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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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Theodor Ickler zu »Was ist ein Substantiv?«
Dieser Kommentar wurde am 27.10.2020 um 04.58 Uhr verfaßt.

Nur eine von fünf Leuten, die das Virus erklären, ist eine Frau. (SZ 26.10.20)

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als sei Leute als Femininum behandelt, aber das trifft nicht zu, es ist als Pluraletantum ohne Genus. Nach Thielmann (s. u.) wäre Leute kein Substantiv, denn diese definiert er durch das feste Genus. Das erledigt aich von selbst.



wolfgang Wrase zu »Kopfrechnen«
Dieser Kommentar wurde am 27.10.2020 um 03.51 Uhr verfaßt.

Vorbemerkung 1. Meine Rückfrage ergab sich daraus, daß Herr Riemer geschrieben hatte: "... aber der Mensch ist nun einmal sterblich. Damit müssen wir uns auch abfinden und müssen, wenn es um das gesamte gesellschaftliche Leben geht, im richtigen Verhältnis handeln." Aus dieser Formulierung hatte ich geschlossen, daß die Frage zumindest mitschwingt: Wie viel Geld wird da für die Rettung von Menschenleben eigentlich ausgegeben, steht das noch in einem vertretbaren Verhältnis?

Vorbemerkung 2. Ich hatte von der Rettung durch die bisherigen Maßnahmen gesprochen, nicht von den bisher Geretteten. Relevant ist ja wohl in diesem Zusammenhang, wie viele Menschen am Ende, also insgesamt, vor Tod oder körperlichen Dauerschäden gerettet werden.

Vorbemerkung 3. Der Wert eines Menschenlebens ist natürlich nicht in einem Geldbetrag zu erfassen. Dennoch stellt sich gerade im Gesundheitswesen die Frage: Wie viel Geld ist die Solidargemeinschaft für die Rettung eines Lebens zu bezahlen bereit? Denn unendlich viel Geld haben wir nicht. Und man sollte doch, wenn man schon viel Geld für die Rettung von Menschenleben ausgeben will, es möglichst effizient aufwenden, also möglichst wenig Geld pro Rettung beziehungsweise möglichst viele Gerettete für den ganzen Aufwand. Man kann zu diesem Thema viele Texte im Internet finden. Da geht es am Ende um konkrete Geldbeträge, zum Beispiel bei der Frage, ob eine extrem teure lebensrettende Therapie bezahlt werden soll oder nicht.

Wie viele Menschen werden am Ende in Deutschland durch die Corona-Maßnahmen einschließlich der dadurch verursachten finanziellen Gesamtkosten und -schäden gerettet worden sein? Man kann das natürlich nur ganz grob abschätzen. Aber es sollte möglich sein, die ungefähre Größenordnung zu bestimmen.

Zu den Kosten hier eine relativ aktuelle Schätzung der Bundesregierung: 1,5 Billionen Euro (https://www.rnd.de/politik/was-kostet-die-corona-krise-bund-rechnet-mit-15-billionen-euro-ZDHKOHL7QNCGJKMB5WA6JO5G4E.html). Das ist aber nur die Belastung der öffentlichen Haushalte. Hinzu kämen noch Verluste, die einzelne Bürger erleiden, bis hin zur Verarmung zum Beispiel wegen Geschäftsaufgabe. Derartige Verluste werden durch Hilfen aus den vorgenannten 1,5 Billionen Euro ja nicht ausgeglichen, sondern nur teilweise abgemildert.

Der Frage, wie viele Menschenleben durch die Maßnahmen in Deutschland am Ende gerettet sein werden, könnte man sich vielleicht mit einem Blick auf die USA annähern. In den USA gibt es bisher etwa 225.000 Todesopfer. Am Ende werden es vielleicht 400.000 sein. In den USA leben etwa viermal so viele Menschen wie in Deutschland. Auf Deutschland übertragen, wären das also ungefähr 55.000 Todesopfer (bisher) bzw. 100.000 Todesopfer (insgesamt). Nun ist aber die Disziplin bei Abstand halten, Maske tragen usw. in Deutschland viel höher als in den USA, wo ein großer Teil der Bevölkerung sichtlich dagegen rebelliert. Obwohl die Disziplin auch in Deutschland lückenhaft ist, hätten wahrscheinlich in Deutschland allein schon die AHA-Regeln (Abstand halten, Hygiene, Alltagsmasken) dafür gesorgt, daß es am Ende deutlich weniger als 100.000 Todesopfer gegeben hätte. Tatsächlich haben wir ja bisher nur etwa 10.000 Todesopfer (und nicht 55.000).

Nehmen wir also an, es hätte in Deutschland nur die AHA-Regeln gegeben zuzüglich der Empfehlung „Kontakte reduzieren“, aber keinen Lockdown. Nahezu alles in der Wirtschaft wäre nicht durch den Staat stillgelegt worden. Und nehmen wir an, dieses Vorgehen hätte am Ende zu 100.000 Todesopfern geführt (obwohl die Zahl viel zu hoch gegriffen sein könnte). Nehmen wir weiterhin an, mit den 1,5 Billionen Euro hätte man alle 100.000 retten können (obwohl das nicht der Fall ist und obwohl der volkswirtschaftliche Gesamtschaden noch höher ist). Diese Gegenüberstellung drängt sich auf, denn wofür wird denn letztlich der ganze Aufwand getrieben, wenn nicht für die Rettung von möglichst vielen Menschenleben? Das wären also 1,5 Billionen Euro für die Rettung von 100.000 Menschenleben = 15 Millionen Euro pro Menschenleben. Das ist eine enorme Zahl. So viel würde eine Krankenkasse niemals für eine lebensrettende Therapie bewilligen.

Natürlich stimmt vieles an dieser groben Abschätzung nicht. Zum Beispiel hätte die Wirtschaft auch ohne Lockdown Schäden erlitten: Viele Menschen hätten, gerade bei sehr hohen Infektionszahlen, von sich aus nicht mehr in Konzerte und ins Restaurant gehen wollen, nicht mehr mit der Bahn reisen oder in einem Hotel Urlaub machen wollen. Staatliche Hilfen wären also auch in diesem Fall nötig gewesen. Andererseits hätten vor allem Senioren und andere gefährdete Menschen, gerade bei sehr hohen Infektionszahlen, von sich aus noch mehr Vorsicht geübt und daher auch dafür gesorgt, daß die Zahl der Todesopfer trotz hoher Infektionszahlen vergleichsweise gering bleibt. Man kann jedenfalls annehmen, daß ein großer Teil der volkswirtschaftlichen Schäden, die mit den 1,5 Billionen Euro abgemildert werden sollen, erst durch den Lockdown und ähnliche Maßnahmen in der Folgezeit entstanden ist.

Ich habe den Eindruck, daß man in der Politik sehr lange dem Prinzip „Koste es, was es wolle“ gefolgt ist, insbesondere beim (ersten) Lockdown. Erst jetzt, bei der Frage nach der Notwendigkeit eines zweiten Lockdowns, mehren sich die Stimmen, die beschwörend sagen: Das darf auf keinen Fall passieren, es wäre der GAU, wir können uns das einfach nicht leisten. Von daher stellt sich aber auch die Frage, ob nicht schon der erste Lockdown möglicherweise falsch, weil viel zu teuer, zu schädlich war.

Unabhängig davon: Bei Kosten im Bereich von Billionen Euro sollte es eigentlich selbstverständlich sein, die Frage nach dem Kosten-Nutzen-Verhältnis gewissenhaft zu klären und auch zu diskutieren. Das scheint bisher in der Politik nicht stattgefunden zu haben. Es hieß (fast) immer nur: Wir müssen alles tun, um die Infektionszahlen niedrig zu halten.


Wolfram Metz zu »Kopfrechnen«
Dieser Kommentar wurde am 27.10.2020 um 01.06 Uhr verfaßt.

Wie viele Menschen sind denn bisher durch die Maßnahmen vor Tod oder körperlicher Dauerschädigung gerettet worden? Und ab wieviel hunderttausend oder Millionen Toten wären wirtschaftliche Schäden im bisherigen Ausmaß gerechtfertigt?


Manfred Riemer zu »Kopfrechnen«
Dieser Kommentar wurde am 26.10.2020 um 22.36 Uhr verfaßt.

Lieber Herr Wrase,

so ein Unverhältnis empfinde ich nicht.

Ich stimme Ihnen aber zu, daß

(1) die wirtschaftlichen Gesamtschäden gigantisch sind

und daß

(2) die Zahl derer, die durch die bisherigen Maßnahmen vor Tod oder körperlicher Dauerschädigung gerettet werden, gering ist.



Wolfgang Wrase zu »Kopfrechnen«
Dieser Kommentar wurde am 26.10.2020 um 16.10 Uhr verfaßt.

Lieber Herr Riemer, noch eine Rückfrage. Könnte es sein, daß Sie ein Unverhältnis empfinden zwischen den gigantischen wirtschaftlichen Gesamtschäden und der vergleichsweise geringen Zahl derer, die durch die bisherigen Maßnahmen vor Tod oder körperlicher Dauerschädigung gerettet werden?


Wolfram Metz zu »Trüber Morgen«
Dieser Kommentar wurde am 26.10.2020 um 14.24 Uhr verfaßt.

Hier in Holland hatte die größte Supermarktkette des Landes vor einigen Tagen mit einer landesweiten Störung des Kartenzahlsystems zu kämpfen. Filialen, die nur noch Selbstbedienungskassen haben, mußten schließen. In den Medien wurden die Leute aufgefordert, ausnahmsweise mit Bargeld zu zahlen. Das dürfte für viele eine echte Herausforderung gewesen sein. Es gibt hier kaum noch Geldautomaten, und die Schlangen vor den wenigen verbliebenen Automaten werden auch an Tagen ohne technische Probleme an den Kassen immer länger. In den meisten Geschäften kann man noch mit Bargeld zahlen, aber immer mehr Läden, von Restaurants über Pommesbuden bis hin zu Marktständen, akzeptieren nur noch Plastikgeld, ebenso einige Museen. Kommunen, die für sämtliche Bürgerdienstleistungen eine »PIN only«-Politik eingeführt haben, wurden von der Innenministerin dafür gerüffelt, nachdem die EZB auf Anfrage mitgeteilt hatte, daß der gänzliche Ausschluß von Barzahlungen nicht mit EU-Recht vereinbar sei. Danach sind die meisten dieser Kommunen zurückgerudert.

Elektronisches Bezahlen ist hierzulande zwar viel verbreiteter als in Deutschland, es gibt aber inzwischen auch eine Bewegung, die sich für den Erhalt des Bargelds einsetzt. Kinder, ältere Menschen und Geringstverdiener, die entweder ihren Wochenlohn immer noch in bar ausgezahlt bekommen und gar kein Bankkonto haben oder aber bewußt nur einmal in der Woche einen bestimmten Betrag am Geldautomaten abheben, um den Überblick über ihre Ausgaben nicht zu verlieren, werden auch künftig nicht elektronisch zahlen wollen oder können. Und je weniger Geschäfte übrigbleiben, in denen man noch mit Scheinen und Münzen zahlen kann, desto lukrativer wird es für diese Geschäfte, die genannten Käufergruppen zu bedienen. Die Zukunft des Bargeldes wird sich aber nicht an dieser Frage entscheiden. Im Hintergrund spielen natürlich ganz andere Interessen eine Rolle (Geldwäsche, Steuerbetrug usw.).


Manfred Riemer zu »Trüber Morgen«
Dieser Kommentar wurde am 26.10.2020 um 13.00 Uhr verfaßt.

Ja, so denke ich auch oft, darf mich ja, seit ich dieses Jahr Rente bekomme, auch schon zu den Älteren zählen.

Mein Großvater war auch mal jung, verrückt und unternehmungslustig. Das äußerte sich z. B. darin, daß er von seiner Wanderschaft quer durch das damals riesige Deutschland und vom ersten selbstverdienten Geld ganz stolz ein Grammophon mit nach Hause nach Ostpreußen brachte. Wahrscheinlich hat er dann, bis es irgendwann kaputt war, sonntags immer die gleichen 2 bis 3 Platten aufgelegt. Bis zum Ende seines Lebens Anfang der neunzehnhundertsiebziger Jahre ist an technischen Dingen nicht mehr als ein großes Röhrenradio dazugekommen.

Meinem Vater, Bergmann, "gelernter Gärtner", hätte ich Internet, Mediathek, Blutooth und Navigationsgerät noch halbwegs erklären können, er hätte es zwar nicht benutzen können, aber wenigstens noch einigermaßen kopfschüttelnd das Prinzip im groben verstanden.

Und das sind ja nur die technischen Dinge. Auch z. B. moralisch-ethische Normen haben sich total verändert. Die Welt heute ist, schon verglichen mit der Zeit meiner Kindheit, nicht wiederzuerkennen. Für meine Großeltern, einfache, gutgläubige, rechtschaffene Christen, wäre sie wohl so unverständlich wie ein Zauberreich.

Seltsam, aber ich denke, das gleiche werden meine Enkel, wenn sie mal im Rentenalter sind, von mir nicht sagen können. Oder ist das doch nur Selbstüberschätzung?



Theodor Ickler zu »Trüber Morgen«
Dieser Kommentar wurde am 26.10.2020 um 05.23 Uhr verfaßt.

In Unternehmensverträgen, Versicherungspolicen und ähnlichen Texten werden heute Geldwäsche, Terrorismusfinanzierung, US-Sanktionen ausdrücklich erwähnt, die vor wenigen Jahren keine Rolle spielten.

Eine logische Bombe ist ein trojanisches Pferd in Form einer Zeitbombe. - Solche Sätze hätte man noch vor wenigen Jahren für verrückt gehalten.

Wenn wir durch Wald und Wiesen wandern, treffen wir viele Menschen, die scheinbar laut vor sich hinsprechen, natürlich in ein unsichtbares Mikrofon.

Als nächstes steht die Abschaffung des Bargeldes an, das ist auch eine gigantische Kulturrevolution, obwohl wir schon seit langem an die Virtualisierung gewöhnt worden sind (eigentlich die Aufhebung einer Illusion).

Wenn man als älterer Mensch mal einen Augenblick innehält und zurückdenkt, kommt man sich vor, als habe man schon in der Steinzeit gelebt. Was das Geld betrifft, sind die Euros im Portemonnaie immer noch dasselbe wie Kaurimuscheln auf einer Schnur.

Nun stellt auch noch Corona alles auf den Kopf.



Wolfgang Wrase zu »Kopfrechnen«
Dieser Kommentar wurde am 25.10.2020 um 19.30 Uhr verfaßt.

Lieber Herr Riemer, vielen Dank für Ihre Erläuterungen. Bei meiner Formulierung "die Zahlen zurechtrücken" war nichts Spöttisches intendiert. Ich meinte genau dasselbe wie Sie: die Zahlen hinterfragen, die Zahlen ins richtige Licht rücken.

Ich stimme Ihnen übrigens in vielem zu. Daß die Fixierung auf die bloßen Infektionszahlen nicht sachgemäß ist, das wird ja in letzter Zeit öfter gesagt. Die rituelle Darbietung der offiziellen Zahlen aus den verschiedensten Ländern, die eigentlich gar nicht vergleichbar sind, irritiert mich schon lange.

Den größten Unterschied zwischen uns sehe ich bei der Bewertung der Masken. Deren Wirksamkeit ist für mich völlig unbestreitbar. Masken, Abstand, das Prinzip, verzichtbare Kontakte möglichst zu reduzieren, vielleicht noch Hände waschen – das ist das Handwerkszeug gegen die Ausbreitung. Wenn das alle machen würden, hätten wir Corona schon weitgehend niedergerungen. Wenn zu viele nicht mitmachen, siegt das Virus. Das ist jetzt der Fall.

Bei den Maßnahmen ging mir auch einiges zu weit. Der Schaden für die Wirtschaft mit zahllosen Existenzvernichtungen wurde von den Politikern meiner Meinung nach sehr lange massiv unterbewertet. Ich fand es höchst empörend, daß zigtausend Geschäftsinhaber kaum noch oder gar nicht mehr wirtschaften konnten, aber die sehr hohen Mieten für ihre Läden weiterhin zu zahlen hatten. Das grenzt an Hinrichtung. Und warum müssen unbedingt die Schüler Unterricht haben, als ob nichts wäre? Im Zweifel hätte ich lieber den Schülern ein Jahr lang frei gegeben beziehungsweise sie mit alternativen Beschäftigungen versorgt (möglichst in Kleingruppen, möglichst immer im Freien) und dafür die Wirtschaft weiterlaufen lassen. Das hemmungslose staatliche Schuldenmachen auf Jahrzehnte hinaus fand ich in dem Ausmaß nicht in Ordnung. Maskenpflicht auf Plätzen und in Einkaufsstraßen erscheint mir übertrieben – solche Maßnahmen wirken auf mich hilflos, wie das letzte Aufgebot in einer verlorenen Schlacht.

Absolut verheerend war, daß auch Entwicklungsländer und Länder wie Indien versucht haben, die Chinesen mit einem Lockdown zu kopieren. Sie haben sich damit vor allem Schäden eingehandelt und außer ein paar Wochen Aufschub nichts erreicht.

Der Lockdown hat aber immerhin eine gute Phase im Sommer ermöglicht und wird am Ende auch dafür gesorgt haben, daß in Deutschland vielleicht ein paar zehntausend Todesfälle vermieden wurden. Nicht zu vergessen die monatelange Entlastung der Krankenhäuser, der Ärzte, der Gesundheitsämter – wenigstens ein halbes Jahr lang, immerhin. Es war nicht von vornherein absehbar, daß der Kampf am Ende verloren gehen würde, daß nur die Chinesen und ein paar Zerquetschte ihn gewinnen können. Im nachhinein ist man immer klüger, das muß man den Politikern zugestehen. Einen Versuch war es wert.


Theodor Ickler zu »Vormachen und Nachmachen«
Dieser Kommentar wurde am 25.10.2020 um 07.02 Uhr verfaßt.

Unser Schönschreiben (das gab es bei uns in der Grundschule) dient, wie auch Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Kalligrafie) feststellt, der Lesbarkeit der Buchstaben, während die eigentliche Kalligraphie im chinesischen Kulturkreis und die arabisch-islamische die Lesbarkeit herabsetzt:
„Schriftstile wie die Grasschrift stellen den eigentlichen Text und seine Lesbarkeit sogar bewusst hinter die kalligraphische Gestaltung zurück, selbst gebildete Chinesen können Grasschriften oft nicht lesen. Sie gelten als Bild, nicht als Text.“
Auf chinesischen Bildern stehen gewöhnlich mehr oder weniger umfangreiche Texte, so auch auf den Rollbildern, die ein chinesischer Maler meiner Frau und mir gewidmet hat. In unseren Kunstmuseen muß man lange suchen, bis man ein Bild findet, das irgendwie beschriftet ist. Das deutet ebenfalls auf ein verschiedenes Verständnis von Schrift hin.

Im islamischen Kulturkreis kommt das Bilderverbot hinzu. Es wird mit dem Monotheismus in einen nicht ganz überzeugenden Zusammenhang gebracht. Man muß auch unterscheiden zwischen den Geboten bzw. Verboten des auf fremde Götter "eifersüchtigen" Gottes im AT und der allgemeineren Abbildungsscheu, die der Benennungsscheu des Sprachtabus entspricht. Sowohl die Benennung als auch die Abbildung beschwört den Gegenstand selbst herauf, und den kann man verehren oder ängstlich meiden (vgl. das zweideutige lat. "sacer"). Die gleiche magische Auffassung kann also dazu führen, daß man Götter und Göttliches exzessiv darstellt oder ganz und gar nicht, in der Sprache entsprechend wieder und wieder anruft oder niemals beim Namen nennt. (Aufs banalste wiederholt sich diese Spaltung im politisch korrekten Sprachgebrauch: z. B. Frauen entweder nie oder ständig erwähnen.)


Manfred Riemer zu »Kopfrechnen«
Dieser Kommentar wurde am 24.10.2020 um 20.26 Uhr verfaßt.

Lieber Herr Wrase, damit kein falscher Eindruck entsteht, möchte ich vorausschicken, daß auch ich immer brav meine Maske trage, Abstand halte usw., denn auch, wenn ich manches für nicht notwendig oder sogar für falsch halte, erkenne ich natürlich die Entscheidungen der repräsentativen Mehrheit an.

Richtig handeln fängt meiner Meinung nach schon mit einer korrekten Faktenanalyse an, und diese Fakten sollten dann nicht propagandistisch oder sensationslüstern, sondern seriös und neutral veröffentlicht werden.

Wenn ich aber die täglichen Nachrichten in den Hauptmedien verfolge, das tägliche Rennen um neue Rekorde bei den Infektions- und Todeszahlen, die beängstigenden Überschriften in der Zeitung, und das alles beruhend auf Vergleichen von Äpfel mit Birnen, ich habe ja hier schon genügend Beispiele gebracht, dann verliere ich leider an Zutrauen in die Politik.

Mein Hauptpunkt ist also, wahrheitsgetreu und ehrlich mit den Fakten umzugehen. Es hat nichts mit Wahrheit zu tun, wenn absolute Infektionszahlen von Afrika und Deutschland nebeneinander gestellt werden, ohne Berücksichtigung der Bevölkerungszahl, und damit angedeutet wird, oh, seht mal, wie schlecht geht es Afrika und wie gut stehen wir mit unseren tollen Maßnahmen da. Das ist nicht glaubwürdig.

Was einzelne, konkrete Maßnahmen betrifft, so habe ich ja schon geschrieben, daß ich es sinnvoll finde, Krankenhäuser und Pflegeheime besser auszustatten und zu schützen. Ich habe mich schon immer darüber gewundert, wie in deutschen Krankenhäusern jeder x-beliebige Mensch ohne Prüfung und Registrierung einfach herein- und überall herumspazieren kann. Eigentlich ein Unding. Die Patienten und Bewohner dürfen aber andererseits auch nicht völlig von Besuchen abgeriegelt werden. Das ist nicht leicht.

Die Maskenpflicht, wie sie zur Zeit besteht, halte ich für nicht notwendig. Masken in der Schule sogar für schädlich. Ich verstehe auch nicht, was sie in Schulen eigentlich bewirken soll, denn wenn ein einziger Coronafall auftritt, wird meines Wissens sowieso die ganze Klasse in Quarantäne geschickt.

Maskenpflicht bei Kultur- und Sportveranstaltungen, da bin ich unsicher. Kann sein, daß es ab einer bestimmten Ansteckungsquote sinnvoll wäre. Bis jetzt aber sicher nicht.
Reisebeschränkungen, Gaststättenschließungen und "Beherbergungsverbote" sind für mich Unwörter.

Sie schreiben, lieber Herr Wrase, ich rücke die Zahlen zurecht. Damit verwenden Sie zwar meine eigenen Worte, ich habe geschrieben, ich rücke sie ins rechte Licht, aber stimmt mein Eindruck, daß ein leicht spöttischer Unterton in der Übernahme meiner Worte steckt? Es klingt für mich so, als meinten Sie, ich lege mir die Zahlen so zurecht, daß sie zu meiner Argumentation passen. Ich finde aber, als relative Zahlen lassen sie überhaupt erst objektive Vergleiche zu.

Ich würde Sie deshalb auch gern fragen, sind Sie denn nicht der Meinung, daß man die Zahlen erst auf einen gemeinsamen Nenner bringen muß, bevor man sie vergleichen kann, und daß solche Vergleiche unbedingt notwendig sind, um sie überhaupt zu beurteilen? Wie sehen Sie denn den Vergleich mit den 25000 Grippetoten 2018?


Wolfgang Wrase zu »Kopfrechnen«
Dieser Kommentar wurde am 24.10.2020 um 07.03 Uhr verfaßt.

Lieber Herr Riemer, Sie rücken die Zahlen zurecht und kommen zu dem Schluß, daß es doch gar nicht so viele Tote sind, Corona würde maßlos überbewertet. Das brauchen Sie nicht mit immer neuen Rechnungen immer noch einmal darzulegen.

Sie wurden gefragt: Was folgt daraus? Sie sprechen in Ihrer Antwort pauschal von falschen politischen Entscheidungen. Man müsse stattdessen angesichts der Tatsache, daß wir alle sowieso sterben werden, "im richtigen Verhältnis handeln".

Das ist im Vergleich zu Ihren konkreten Zahlenrechnungen extrem vage. Was bedeutet es denn, richtig zu handeln? Sie sollten konkreter werden. Inwiefern waren die Entscheidungen der Politiker bisher falsch? Und wie müßten sie demnächst aussehen, wenn die Infektionszahlen weiter steil ansteigen?

Ich tippe mal, Sie wollen: kein Lockdown mehr, auch nicht regional. Auch nicht in einzelnen Schulen. Wollen Sie zum Beispiel, daß mehr Zuschauer in die Konzerte gehen können, mit weniger Abstand, damit die Kulturszene wieder mehr in Gang kommt? Also Abschaffung der Abstandsregeln in Konzerten? Sind Sie gegen Sperrstunden in jeglicher Form? Man weiß es nicht.


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