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Theodor Icklers Sprachtagebuch

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Theodor Ickler zu »Gemischtes vom VDS«
Dieser Kommentar wurde am 11.08.2022 um 20.27 Uhr verfaßt.

In ihrem heutigen "Streiflicht" rechnet die Süddeutsche Zeitung mit dem VDS ab, besonders mit der hausmeisterlichen Kampagne (!) gegen die "Sprachpanscherei". Der Verein wirkt in der Tat so borniert und abgestanden, daß Wustmann dagegen ein glänzender Kopf war. Aus irgendeinem Grund kriege ich immer die Vereinszeitschrift zugeschickt, obwohl ich sie nicht bestellt habe und nicht bezahle. Sick ist auch Dauergastautor.

Wer nichts zu sagen hat, reinigt die Sprache.


Theodor Ickler zu »Rhetorik«
Dieser Kommentar wurde am 11.08.2022 um 11.21 Uhr verfaßt.

Über eine Versuchung, die jeder kennt (wenn er ehrlich ist):

Auch wenn Trump gerichtlich wegen eines Steuervergehens verurteilt werden sollte, wird das seine Anhänger nicht beeindrucken. Sie zeigen sich jetzt schon entschlossen, solche Verfahren ebenso wenig anzuerkennen wie Wahlen – was immer dabei herauskommt. Auch Auftritte, die man normalerweise grotesk finden würde, schaden dem großen Mann nicht im mindesten, im Gegenteil: wer sich so etwas leisten kann, muß wirklich ein ganz Großer sein (Handicap-Prinzip). Damit ist eine Schwelle überschritten. Man kennt das von Wahnkranken: Gegenstehende Tatsachen werden umgehend in das Wahnsystem eingebaut und stärken es, statt es zu schwächen. Wir haben das im großen Maßstab bei den Verschwörungstheoren der letzten Jahre beobachten können.
Auch unsere Patrioten stehen nach wie vor geschlossen hinter dem Deutschenhasser Trump und glauben ihm auch seine Lügen zur Razzia in Mar-a-Lago. Right or wrong – our president!

Ich habe ähnliches immer wieder beobachtet. Zum Beispiel bei den Anhängern der Psychoanalyse. Über Freud ist inzwischen vieles bekannt, was neutrale Beobachter schaurig genug finden müssen, aber es ficht die Gläubigen nicht an. Womit wir bei der Religion wären – ich brauche das nicht näher auszuführen.

Argumentieren ist hier unmöglich, die Irrlehren und der Wahnsinn finden irgendwann eine „biologische Lösung“ (ähnlich wie von Thomas Kuhn beschrieben).


Theodor Ickler zu »Trüber Morgen«
Dieser Kommentar wurde am 11.08.2022 um 11.15 Uhr verfaßt.

Während bei uns die Lichter ausgehen (danke, Frau Merkel und Grüne!), dampfen die französischen Kernkraftwerke friedlich vor sich hin und liefern sicheren, sauberen und billigen Strom.

In Wirklichkeit laufen die maroden französischen AKWs seit geraumer Zeit größtenteils nicht mit voller Leistung, und Frankreich importiert Strom aus Deutschland.

Wir täten allerdings gut daran, die Milliarden nicht in den Konsum zu stecken (9-Euro-Ticket, Tankrabatt, Steuersenkungen...), sondern nachhaltig zu investieren (Bahn, Offshore-Windparks...). Das kommt vielleicht nicht so gut an, weil die wohltätige Wirkung nicht vor dem nächsten Wahltermin zu erwarten ist. Aber sind die Bürger wirklich so einfältig?


Theodor Ickler zu »Die Tyrannei des Vermeintlichen«
Dieser Kommentar wurde am 11.08.2022 um 11.05 Uhr verfaßt.

Als die Rechtschreibreform noch ein heißes Thema und nach den meisten Umfragen die große Mehrheit der Bevölkerung dagegen war, verfügten sämtliche Zeitungen, daß auch die vom Kunden bezahlten Todesanzeigen usw. auf Reformschreibung umzustellen seien. In manchen Fällen wurde eine ausdrückliche Anordnung bekannt, anderswo blieb sie im Hintergrund, wurde aber ebenso strikt durchgeführt.
Mit dieser Gefälligkeit gegenüber den Kultusministern und gegen den Willen des Volks handelten die Verlage so, als komme das Beharren auf der allgemein üblichen Schreibweise einer obszönen oder gewaltverherrlichenden Unternehmung gleich, an der man sich aus juristischen Gründen nicht beteiligen wollte.
Mit der gleichen Bereitwilligkeit wird nun gegendert, allerdings ist der Vorsatz aus inneren Gründen nicht so leicht zu verwirklichen, weil die Sprache selbst viel größere Hindernisse bereit hält als bei der im wesentlichen konventionellen Orthographie. Der obrigkeitshörige Ungeist ist der gleiche, und er läßt wenig Hoffnung.


Theodor Ickler zu »Akademisches«
Dieser Kommentar wurde am 10.08.2022 um 19.36 Uhr verfaßt.

Die Wichtigkeit eines Journalisten steigt in dem Maße, wie er übertreibt.

Keinen Tag länger hätte die deutsche Literatur ohne diese Schriftstellerin auskommen können: Emine Sevgi Özdamar. (Marie Schmidt in SZ 10.8.22)

(Marie Schmidt wirbt heftig für das Gendern, gegen die „ungerechte“ deutsche Sprache. Um so bemerkenswerter der Wikipedia-Eintrag: „Schmidt wuchs als Tochter zweier Lehrer in München auf.“)

Im Wikipedia-Eintrag über Özdamar wird am breitesten die völlig unwesentliche Diskussion darüber nachgezeichnet, ob Zaimoglu sie seinerzeit plagiiert habe oder nicht. Über Özdamars Werk selbst scheint nicht viel gesagt werden können, dafür werden die 20 Preise ausgelistet, die sie schon hat.

Schmidts Ansicht, in der Jury des Büchner-Preises gehe es nur um Literatur und nicht um Politik, ist naiv.


Wolfram Metz zu »Jede und jeder«
Dieser Kommentar wurde am 10.08.2022 um 08.30 Uhr verfaßt.

Es läßt sich in der Tat schwer nachweisen, daß hier das bekannte Muster »Ärztinnen und Pfleger« Pate gestanden hat, aber es spricht doch einiges dafür, daß Lindner auf diese Variante des Genderns zumindest geschielt hat. So macht er schon mit der Überschrift demonstrativ klar, daß es ihm wichtig ist, »geschlechtersensibel« zu formulieren – oder besser daß er darauf achtet, es nicht zu unterlassen: »Eine Entlastung für 48 Millionen Bürgerinnen und Bürger«. Später im Text dann noch einmal »Bürgerinnen und Bürger«, außerdem »Steuerzahlerinnen und Steuerzahler«, nur einmal taucht bei der Bezeichnung einer Personengruppe das generische Maskulinum auf: »Bezieher geringer Einkommen«. Normalerweise dienen exemplarische Formulierungen dazu, den Text lebendiger zu machen. Nicht zufällig wird dabei statt des Plurals oft der anschaulichere Singular verwendet. In Lindners Satz sind die Kategorien dagegen ziemlich abstrakt: Arbeitnehmer, Rentner, Selbständige, Studenten – das sieht eher nach einer erschöpfenden Aufzählung der betroffenen Gruppen von Steuerpflichtigen aus als nach einer Beispielsammlung konkreter Berufe. Vergleiche etwa den folgenden Satz aus einem westfälischen Käseblatt (warsteiner, Dez. 2011): »Die Kassiererin im Supermarkt kennt es, der IT-Fachmann ebenso wie die Sekretärin, der Lkw-Fahrer oder der Beamte – das Kreuzweh sucht seine Opfer bevorzugt bei Menschen, die ihren Beruf im Sitzen ausüben.« An anderer Stelle in dem Artikel macht Lindner selbst vor, wie es geht: »Für die Ingenieurin, den erfahrenen Facharbeiter, den Chirurgen, die Handwerksunternehmerin gäbe es Mehrbelastungen.« Hier werden die Substantive eindeutig exemplarisch verwendet. Aber auch die exemplarische Verwendung bietet, wie man sieht, Raum zum Ablegen eines Bekenntnisses.


Theodor Ickler zu »Die Tyrannei des Vermeintlichen«
Dieser Kommentar wurde am 10.08.2022 um 06.26 Uhr verfaßt.

In „Unnatural Death“ von Dorothy Sayers (hier schon zitiert: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1042#38830) kommt tatsächlich das Wort nigger vor. Viele Neuere haben sich darüber geäußert. Im Kontext liegt auf der Hand, daß Sayers sich, wie an vielen anderen Stellen, über die Vorurteile der dargestellten Personen lustig macht. Deren Räsonieren über die schrecklichen Schwarzen, die aber letzten Endes doch auch Gottes Geschöpfe seien usw., ist ähnlich in den Werken anderer Autoren zu finden, auch schon zur großen Zeit des Kolonialismus. Heute ist das nicht mehr so einfach, weil die Kennwörter des Spießers (nigger) nicht einmal mehr zitiert werden können, ohne daß empfindlichen Seminarteilnehmenden die Ohren abfallen.


Theodor Ickler zu »Delirium«
Dieser Kommentar wurde am 10.08.2022 um 04.53 Uhr verfaßt.

Der Wikipedia-Eintrag „Rationale Psychologie“ ist bemerkenswert gut:
https://de.wikipedia.org/wiki/Rationale_Psychologie
Am Schluß habe ich Bedenken:

„Edmund Husserl schlug eine phänomenologische Neubegründung der rationalen Psychologie als apriorischer Wissenschaft vor, die aber nur schwer von klassischer Denkpsychologie, Introspektion oder den sprachanalytischen Arbeiten von Gilbert Ryle abgrenzbar ist.“

Das ist gut gesehen, aber Ryle hat sich von Husserl weit entfernt. Er hat sich zwar eingehend mit der Phänomenologie beschäftigt, kommt aber zu diesem abschließenden Urteil:

„There are no perplexities from which, with or without success, Husserl tries to rescue us. Though descriptively careful, his constatations are philosophically inert. There is no debate now going on between Husserl and anyone else, and not much even between Husserl and Husserl. In a word, phenomenology is not exciting and most often not even interesting. It does not answer questions that had worried us.“ (Phenomenology and Linguistic Analysis. In: Neue Hefte für Philosophie 1, 1971:4-11, S. 6f.) (Hier schon zitiert: http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1058#32707)


Theodor Ickler zu »Jede und jeder«
Dieser Kommentar wurde am 10.08.2022 um 03.48 Uhr verfaßt.

Er könnte sich darauf hinausreden, daß er die Substantive nicht generisch, sondern exemplarisch gemeint habe. Das erschwert die Kritik am Gendern, obwohl wir genau wissen, daß es keinen so harmlosen Grund hat.


Manfred Riemer zu »Kopfrechnen«
Dieser Kommentar wurde am 09.08.2022 um 22.07 Uhr verfaßt.

Ob die Dunkelziffer die nachweislichen Fälle einschließt oder nicht, scheint mir ein ähnliches Problem zu sein, wie das, ob 5mal größer die 5- oder die 6fache Größe bedeutet. Während ich bei letzterem die 5fache Größe aber eher als sprachlogischen Fehler ansehe, scheint die Dunkelziffer nicht so eindeutig definiert zu sein.

Wenn die Anzahl der unbekannten Fälle im dunkeln liegt, liegt ja die Gesamtzahl aller Fälle genauso im dunkeln.

Wikipedia zählt zwar nur die unbekannten Fälle zur Dunkelziffer, aber wie das Beispiel von Herrn Metz zeigt, wird praktisch oft (m. E. in der Mehrzahl der Fälle) ein Faktor für die Dunkelziffer angegeben, der dann logischerweise nur die Gesamtzahl meinen kann.


Wolfram Metz zu »Jede und jeder«
Dieser Kommentar wurde am 09.08.2022 um 19.43 Uhr verfaßt.

Christian Lindner wirbt in der FAZ für seine Steuerreformpläne:

»48 Millionen Menschen würden vom vorgeschlagenen Ausgleich der kalten Progression begünstigt. Es profitieren Arbeitnehmerinnen und Geringverdiener, Rentnerinnen und Selbständige, Studierende mit steuerpflichtigen Nebenjobs und vor allem Familien.«

Männliche Arbeitnehmer und Geringverdienerinnen gehen demnach leer aus. Jedenfalls hat Lindner sie unsichtbar gemacht und es damit an der gebotenen Achtsamkeit mangeln lassen. Pfui!


Theodor Ickler zu »Chinesisch«
Dieser Kommentar wurde am 09.08.2022 um 07.38 Uhr verfaßt.

In einer weiteren seiner geistreichelnden Besprechungen, diesmal über ein Salzburger Konzert, schreibt Helmut Mauró, der Pianistin Yuja Wang "fehle alles Mütterliche". Wahrscheinlich meint er, sie wirke sexy, wie er denn auch nicht versäumt, ihr knappes Outfit zu erwähnen. Allerdings kann jeder leicht feststellen, daß Frau Wang tatsächlich keine Kinder hat, aber wie sollte man Schönberg oder Skrjabin „mütterlich“ spielen?
Insgesamt versucht die SZ, sich vom Klischee des chinesischen Supervirtuosen zu lösen, der seine Stücke zwar fehlerlos herunterschnurrt, aber für deutsche Romantik wohl doch der letzten Tiefe entbehrt. Daß Wang in Salzburg einen „unerwarteten Triumph“ erlebte, sagt mehr über Mauró als über die Pianistin.


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